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Wo[hin] ist Gott?

Veröffentlichung:1.2.2022

Der Fachartikel ist im Heft ru-heute 02/2022 unter dem Titel „Wo[hin] ist Gott? Ein Problemaufriss“ erschienen und umfasst die Seiten 5 bis 6, also 2 Seiten. Der Beitrag zeichnet einen theologischen und religionspädagogischen Problemhorizont nach, in dem die Gottesfrage nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Er beschreibt eine grundlegende Gotteskrise in Kirche, Schule und Gesellschaft und thematisiert die Herausforderung, angesichts pluraler Transzendenzvorstellungen und eines Verlustes kirchlicher Normierungskraft die Plausibilität und Relevanz der Gottesrede neu zu gewinnen. Zentrale theologische Probleme sind die Krise des klassischen Monotheismus, die Verschiebung von personalen zu unpersönlichen Gottesbildern, die Spannung zwischen Inkarnation und Transzendenz sowie die Frage nach einer verantwortbaren Gottesrede im Horizont negativer Theologie.

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Der Artikel blickt zunächst zurück auf die erste Ausgabe von Religionsunterricht heute im Jahr 1973. Damals bewegte sich der Religionsunterricht noch in einer kulturellen Situation, in der die Kirche selbstbewusst von den zentralen Daten des Heilshandelns Gottes sprach und sich als Absender verstand, der eine unveränderliche Lehre weitergibt. Die Welt erschien als Empfängerin, deren Problem eher in mangelnder Bereitschaft zur Aufnahme der Botschaft gesehen wurde. Schon wenige Jahre später jedoch diagnostiziert Karl Lehmann eine grundlegende Krise der Gottesfrage. Was früher als selbstverständlich galt, ist heute brüchig geworden. Die Gottesfrage steht nicht mehr auf gesichertem Boden.

Kirche und Schule sind heute mit einer Lage konfrontiert, die nicht einfach als religionslos beschrieben werden kann. Vielmehr zeigt sich eine diffuse Spiritualität, eine unbestimmte Religiosität, die häufig als Wiederkehr der Religion gedeutet wird, tatsächlich aber eher ein Gefühl kompensatorischer Sinnsuche darstellt. Nicht das Interesse an Religion ist verschwunden, sondern das Vertrauen in kirchlich vermittelte Religion. Das Evangelium scheint im Schulalltag oft kaum noch als relevant wahrgenommen zu werden. Klassische korrelationsdidaktische Zugänge geraten ins Leere, weil die kulturelle Selbstverständlichkeit christlicher Deutungsmuster nicht mehr vorausgesetzt werden kann.

Der Religionsunterricht steht daher vor der Aufgabe, Plausibilität und Relevanz der Rede von Gott neu zu gewinnen. Dabei geht es nicht darum, Ambivalenzen aufzulösen, sondern sie kritisch und konstruktiv zu bearbeiten. Die Religionssoziologie spricht von einer Krise des traditionellen Monotheismus. In modernen Lebenswelten entstehen neue, nicht kirchlich geprägte Formen religiöser Selbstdeutung. Klassische Unterscheidungen wie Theismus, Deismus oder Pantheismus verlieren an analytischer Schärfe. An die Stelle anthropomorpher Gottesbilder wie Vater, Schöpfer oder Erlöser treten zunehmend kosmomorphe oder abstrakte Vorstellungen wie Kraft, Quelle, Licht, Urgrund oder Nichts. Transzendenz wird plural gedacht.

Diese Entwicklung steht in einer langen Tradition philosophischer und naturwissenschaftlicher Kritik an überlieferten Gottesvorstellungen. Die Gotteskrise ist daher keine kurzfristige Erscheinung, sondern eine Dauerkrise. Sie ist kein bloß kirchliches Problem, sondern ein anthropologisches Grundproblem. Es gibt Formen eines praktischen Atheismus, in denen Gott zwar sprachlich präsent ist, aber existenziell keine Rolle spielt.

Im Zentrum des Artikels steht die Frage, ob Gott nicht längst nicht nur als tot erklärt, sondern auch nicht mehr vermisst wird. Die eigentliche Dramatik liegt darin, dass selbst die Vermissensfrage oft nicht mehr gestellt wird. Wenn Gott nicht mehr als Bezugspunkt erlebt wird, stellt sich die Frage, was überhaupt verloren gegangen ist.

Im Rückgriff auf Peter Sloterdijk wird der Verlust des Gottesbezugs als religionskultureller Prozess beschrieben, der mit der Verinnerlichung und Privatisierung von Religion seit der Reformation einhergeht. Aus der Reduktion des Kultes folgte eine zunehmende Anpassung an profane Wirklichkeit. Die herkömmliche Gottesrede gerät an ihr Ende. Gleichzeitig wirft der Inkarnationsgedanke eine paradoxe Frage auf: Wo Gott war, soll Mensch werden. In der Menschwerdung Gottes wird jede einfache Beschreibung Gottes gesprengt. Gott erscheint im Konkreten, im Fleisch, im Anderen. Die biblischen Texte, etwa der Prolog des Johannesevangeliums oder die Gerichtsrede in Matthäus 25, unterlaufen jede klare Festlegung Gottes auf ein begrifflich kohärentes Bild.

Hier knüpft die negative Theologie an, die Gott als unaussprechliches Geheimnis versteht. Gott entzieht sich begrifflicher Fixierung. Er ist nicht einfach identifizierbar, sondern begegnet im Paradoxen, im scheinbaren Widerspruch von Licht und Finsternis, Nähe und Ferne, Heil und Abgrund. Die große Frage Wo ist Gott oder Wohin ist Gott verweist auf eine bleibende Spannung, die nicht aufgelöst werden kann. Diese unabschließbare Gotteskrise birgt zugleich eine Chance. Sie zwingt zu neuen, vorsichtigen, tastenden Versuchen der Gottesrede. Eine zeitgemäße Rede von Gott kann nur als behutsames Sprechen im Horizont des Unverfügbaren und Unfassbaren erfolgen, im Bewusstsein der eigenen Begrenztheit und im Ringen um Wahrheit.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E2 Gotteswort im Menschenwort – Themen der Bibel und ihre Aneignung

E2.4 Dem Ganzen der Wirklichkeit begegnen – an Gott glauben.

Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.1 Gottesrede – angemessen von Gott sprechen.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.1 Fragen und suchen: Existiert Gott?.

Beispielhafte Lernsequenzen

  • Wie Menschen sich Gott vorstellen: Alltagsweltliche Gottesbilder und Vorstellungen
  • Wie sich Gottesbilder und Gottesvorstellungen im Verlauf der Lebensgeschichte wandeln
  • An welchen Gott glauben Christen, wenn sie bekennen „Ich glaube an Gott“

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 7. Allgemeine Gottesidee, philosophischer Gottesbegriff und personales Gottesbild.

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